Vermeidung der Schlachtung trächtiger Rinder und Kühe

Schlachttiere müssen möglichst stress- und schmerzfrei getötet werden. Und es gilt zu verhindern, dass gesunde trächtige Tiere zur Schlachtung kommen. Die Schweizer Fleischbranche erarbeitete eine Branchenlösung und gibt Empfehlungen ab, um die Zahl gesunder trächtig geschlachteter Rinder und Kühe in Zukunft zu senken.

Eine Kuh ist 9 Monate trächtig und bekommt üblicherweise jedes Jahr ein Kalb. Das heisst, dass über 50% der Kühe im Laufe eines Jahres in irgendeinem Stadium trächtig sind. Die Schlachtung von trächtigen Rindern und Kühen ist in der Schweiz nicht verboten oder gesetzlich geregelt, ist aber aus ethischen und Tierschutzgründen zu vermeiden. In Deutschland ist die Schlachtung von Rindern und Kühen im letzten Drittel der Trächtigkeit seit 2017 verboten.

Gemäss einer statistisch nicht abgesicherten Studie des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) waren 5,7% der geschlachteten Tiere trächtig. Das zeigt zwar, dass üblicherweise keine trächtigen Rinder und Kühe geschlachtet werden. Aber auch die 5,7 % trächtige Tiere hätten nicht in den Schlachthof gebracht werden dürfen.

Anteil  trächtiger Kühe bei der Schlachtung

Um eine Basis für Massnahmen zur Reduktion trächtiger Tiere am Schlachthof zu haben, wurde bei den betroffenen Rindviehhaltern der Hintergrund ermittelt, warum doch trächtige Tiere zur Schlachtung gebracht werden. Die Studie des BLV war sicherlich nicht umfangreich genug oder repräsentativ, um klare Aussagen treffen zu können. Aber Hinweise auf mögliche Ursachen konnten daraus gezogen werden. Es sind dies z.B. unerkannter Natursprung bei jungen Tieren durch mitlaufende Stiere in Rindviehherden, fehlende oder falsch negative Trächtigkeitsdiagnosen oder fehlende Information durch den Vorbesitzer.

Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Produzenten, des Viehhandels, der Fleischverarbeiter, des Schweizer Tierschutzes und des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) unter der Leitung von Proviande setzt sich seit 2016 dafür ein, dass mit einer Branchenlösung, welche für die gesamte Wertschöpfungskette akzeptabel ist, die Schlachtung trächtiger Rinder und Kühe auf ein Minimum reduziert werden kann. Mit einer Branchenlösung soll das Problem auf privatrechtlicher Basis gelöst werden können, mit dem Vorteil, dass zeitnah auf Entwicklungen reagiert werden kann, ohne den langwierigen Prozess einer Verordnungs- oder Gesetzesänderung einleiten zu müssen.

Als erste Massnahme wurde 2017 für Tiere der Rindviehgattung die Selbstdeklaration einer Trächtigkeit durch die Produzenten eingeführt. Grundsätzlich ist der Tierhalter aus dem Herkunftsbetrieb dafür verantwortlich, dass er über das Trächtigkeitsstadium seiner Tiere informiert ist. Er muss diese Information an den nächsten Tierhalter weitergeben. Anschliessend sind alle weiteren Beteiligten in der Wertschöpfungskette für die Weitergabe der Information verantwortlich.

Die Selbstdeklaration erfüllt folgende Zwecke:

  • Die Produzenten werden in die Verantwortung einbezogen.
  • Bei einer allfälligen Weitermast liegt eine Information bezüglich Trächtigkeit vor.
  • Trächtige Tiere sind in jeder Stufe vom Geburts- bis zum Schlachtbetrieb erkannt.

Im Zentrum der seit 2017 gültigen Fachinformation steht die Pflicht des Halters. Er muss bei Ungewissheit vor dem Verkauf bei Rindern ab einem Alter von 18 Monaten und bei Kühen, welche vor mehr als fünf Monaten letztmals gekalbt haben, eine Trächtigkeitsuntersuchung durchführen. Das Dokument schreibt zudem vor, dass trächtige Tiere nur Ausnahmesituationen und Notfällen (Unfall, unheilbare Krankheit) geschlachtet werden dürfen. Die Verantwortung der Tierhalter, Transporteure, Händler und Schlachtbetriebe ist definiert. Eine Reihe von Massnahmen sowie Dokumentationsvorschriften beim Verstellen von Tieren sind beschrieben. Die Tierhalter werden damit bei der Wahrnehmung ihrer ethischen Verantwortung zum Wohl und Schutz von Mutter- und Jungtieren unterstützt. In Zusammenarbeit mit dem BLV konnte die aus der Branchenlösung privatrechtlich vorgeschriebene Deklaration der Trächtigkeit/Trächtigkeitsdauer zweckmässig und umfassend umgesetzt werden. Der Trächtigkeitsstatus muss auf dem offiziellen amtlichen Begleitdokument für Klauentiere  ausgewiesen werden. Somit muss der Tierhalter die Trächtigkeit seiner Tiere überwachen.

Die Wirkung dieser Branchenlösung wird regelmässig analysiert. Die Daten zur Anzahl von festgestellten Trächtigkeiten in den Schlachtbetrieben werden während einer bestimmten Bemessungsperiode eingefordert und analysiert.

Die Analyse Mitte 2019 zeigte, dass die Branchenlösung in der bisherigen Form nicht genügend zu einer Verbesserung der Situation beigetragen und damit nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat. Die Fachinformation wurde deshalb überarbeitet und entsprechend ergänzt. Seit dem 1. Januar 2020 gilt:

  • Die Deklaration muss bei Rindern ab einem Alter von 18 Monaten und bei Kühen, die vor mehr als fünf Monaten letztmals gekalbt haben, auf dem Begleitdokument für Klauentiere zwingend angezeigt werden.
  • Bei unbegründeten Schlachtungen von trächtigen Kühen und Rindern werden dem Lieferanten pro Tier Fr. 100.- in Abzug gebracht.
  • Für Krank- oder Notschlachtungen reicht die Deklaration unter Punkt 5 auf dem Begleitdokument.

Die Sanktionen bei angelieferten trächtigen Tieren in den Schlachthöfen werden auf privatrechtlicher Basis von der Branche selbst verantwortet.

Mit der Einführung der Gebühr zeigte sich in der Analyse im ersten Quartal 2020, dass die Sensibilität bei den Tierhaltern zwar zugenommen hat, jedoch nach wie vor Unsicherheiten bestehen, ab wann eine Deklaration notwendig ist. Für die Begründung von Krankschlachtungen fehlen Richtlinien. Die Frist für die Deklarationspflicht bei den Rindern erweist sich als nicht zufriedenstellend. 60% der zur Schlachtung geführten trächtigen Rinder sind jünger als das festgelegte Mindestalter für die Deklaration von 18 Monaten.

Die Branchenlösung wurde entsprechend überarbeitet.

Schlachtung trächtiger Rinder und Kühe vermeiden

Neu gilt ab dem 1. Juli 2020 die Deklaration bei Rindern ab dem Alter von 15 Monaten und bei Kühen ab 5 Monaten nach dem letzten Abkalbedatum. Die Angabe zur eindeutigen Trächtigkeit muss mit JA/NEIN auf dem „Begleitdokument für Klauentiere“ zwingend aufgeführt werden. Krankschlachtungen müssen gemäss Richtlinien begründet werden.

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Ein wichtiges Element der Branchenlösung ist das Feststellen einer Trächtigkeit in den Schlachtbetrieben, dazu leisten die Schlachtbetriebe zusammen mit den Veterinärdiensten einen bedeutenden Beitrag. Mit der nochmals erweiterten Fachempfehlung zur Vermeidung des Schlachtens von trächtigen Tieren der Rindviehgattung, gültig ab dem 1. Juli 2020 hofft die Branche, dass sich die Situation verbessern wird.

Weitere Verbesserungen werden angestrebt. Mittelfristig muss es für den Tierhalter möglich sein, bei seinen Tieren auf einfache und praktikable Art, ohne Hilfe des Tierarztes die Trächtigkeit seiner Tiere festzustellen, das gilt nicht nur für die Tiere der Rindergattung sondern auch für Schafe und Schweine. Die Arbeitsgruppe trifft zusammen mit dem BLV Abklärungen, welche Möglichkeiten bestehen, eine Trächtigkeit systematisch einfacher festzustellen zu können.

Damit die Zahl trächtig geschlachteter Rinder und Kühe in Zukunft gesenkt werden kann, gilt:

  • Beim Kauf von Tieren Informationen über die Trächtigkeit einholen!
    Häufig gelangen Tiere auf Umwegen über Zwischenhändler oder Mastbetriebe zum Schlachthof. Die neuen Besitzer werden oft nicht im Detail über die zugekauften Tiere informiert. Es bleibt dann unklar, ob der Vorbesitzer von der Trächtigkeit wusste.
  • Ungeplante Trächtigkeiten verhindern!
    Es ist eine Frage des Herdenmanagements: Auch in Freilaufhaltung, in welcher oft die künstliche Besamung durch den Natursprung ersetzt wird, muss der Tierhaltende die Kontrolle über den Zyklusstand seiner Tiere haben. Natursprung war bisher vor allem in der Mutterkuhhaltung verbreitet, ist nun aber immer häufiger auch in der Milchviehhaltung anzutreffen. Bei jungen Mastrindern in Herdenhaltung kann es zu ungeplanten Trächtigkeiten kommen, denn die Rinder erreichen oft die Geschlechtsreife, bevor sie geschlachtet werden.